Reisezeit: 01.07. bis 15.07.2023
Route: Trondheim bis Bodø | Boot: Ovni 43 | Crew: Isabelle, Nadine (Skipperin) und ich
Ein Aufbruch in ein neues Abenteuer
Am 1. Juli 2023 begann meine Segelreise in Trondheim. Ich war aufgeregt, gespannt und voller Vorfreude. Mein Airbnb-Gastgeber war so freundlich, mich direkt zum Hafen zu bringen. Dort traf ich zum ersten Mal auf Nadine, unsere Skipperin. Da ich etwas zu früh war, nutzten wir die Zeit, um die Seekarten für die kommenden Tage zu sortieren. Als auch Isabelle ankam, komplettierten wir unsere Crew und gingen gemeinsam einkaufen. Es fühlte sich an wie der Start in ein kleines Abenteuer mit großem Horizont.
Improvisation mit Tiefgang – Der Magnet-Moment
Eigentlich wollten wir am nächsten Tag mittags ablegen. Doch kurz vor dem Start passierte ein Missgeschick, das unsere Kreativität auf die Probe stellte. Nadine verlor eine die Visierhalterung im Hafenbecken. Das Teil war essenziell zum Schutz gegen den Regen und lag nun neun Meter tief auf dem Grund. Keiner von uns wollte die Reise im Dauerregen verbringen, also hieß es: Retten, was zu retten ist.
Zunächst versuchten wir es mit einem Netz, das improvisiert aus einem Stück Unterwäsche gebastelt wurde, befestigt an einem Angelhaken. Leider vergeblich. Ich schlug vor, es mit einem Magneten zu versuchen. Die Idee war gut, aber wir hatten natürlich keinen Magneten an Bord. Also lief ich los, das Hafenareal ab, mit einem Ziel im Kopf: irgendwo einen Magneten aufzutreiben. Die Hoffnung schwand mit jedem Meter, bis ich zu einem anliegenden Kreuzfahrtschiff kam.
Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben und doch fasste ich Mut und sprach einen Matrosen an und erklärte ihm unser Problem. Und tatsächlich: Er hatte einen Magneten und er lieh ihn mir. Es war einer dieser kleinen Glücksmomente, die man nicht plant, aber nie vergisst.
Zurück am Boot befestigten wir den Magneten mit Tape an der Angel und testeten ihn zunächst an einem Ersatzstück aus Metall. Der Magnet hielt. Dann ließen wir ihn vorsichtig ins Wasser hinab. Wir rechneten nicht wirklich mit Erfolg, doch nach wenigen Minuten spürten wir einen Widerstand. Und da war sie: die verloren geglaubte Halterung. Wir zogen sie hoch und jubelten wie kleine Kinder. Ein absoluter Team-Moment, der uns alle näher zusammenbrachte und ein gelungener Auftakt unserer Reise.
Unterwegs mit Flaute, Bier und ersten Manövern
Nach dieser Aktion ging es endlich los. Der Wind war schwach, also segelten wir mit Motorunterstützung Richtung Norden. In Sjursvika legten wir an und luden zwei Norweger, Morten und Joachim, auf ein Bier an Bord ein. Die Stimmung war entspannt, wir lachten viel, und der erste Segeltag klang gemütlich aus.
Am nächsten Morgen durfte ich das Boot zum ersten Mal selbstständig ablegen. Ich übernahm das Steuer, informierte die Crew über den Wind, startete den Motor und gab die Kommandos zum Ablegen. Es war mein erstes Manöver dieser Art und es verlief reibungslos. Ich war stolz und motiviert.
Regen, Wellen und Seekrankheit
Am vierten Tag erwartete uns ein langer Segeltag mit schwierigen Bedingungen. Hohe Wellen, Regen und sich ständig drehender Wind forderten uns heraus. Wir segelten zwischen 4-5 Beaufort, die hohen Wellen machten uns zu schaffen. Isabelle ging es nicht gut, sie wurde seekrank, während ich fast acht Stunden am Steuer stand. An Pause war kaum zu denken, da wir ständig Manöver fahren und den Kurs anpassen mussten. Die wenigen Boote in Sichtweite erinnerten uns daran, wie einsam dieses Revier sein konnte. Am Abend erreichten wir den kleinen Hafen von Sadnes und waren völlig erschöpft, aber zufrieden.
Lernkurven und Kurswechsel
Am nächsten Tag segelten wir von Seter nach Rørvik. Die Strecke war lang, etwa zehn Stunden, und forderte meine Konzentration heraus. Wir mussten zwischen vielen kleinen Inseln aufkreuzen, und einmal verschätzte ich mich in einer schmalen Einfahrt. Uns blieb nur die Umkehr, um nicht auf Untiefen zu laufen. Das Revier war anspruchsvoll, aber jeder Fehler war auch eine neue Lektion. In Rørvik angekommen, waren wir erleichtert. Wir planten den nächsten Abschnitt und hofften auf etwas ruhigere Tage.
Neue Jacke, neue Kraft
In Rørvik gönnte ich mir endlich eine richtige Segeljacke – rot mit gelber Kapuze, wie es sich für eine Seglerin gehört. Und das war gut so. Denn als wir Richtung Leka weitersegelten, zog Nebel auf, die Temperatur sank, und der Wind flaute ab. Ohne diese Jacke hätte ich wohl ordentlich gefroren und das im Sommer.
Am Polarkreis
Am 11. Juli segelten wir von Lovund zum Polarkreis.
Unser Ziel war eine kleine Insel nördlich des 66. Breitengrads, genau dort, wo die Polarkreis-Skulptur steht. Auf dieser Insel wollten wir kurz an Land gehen, um die berühmte Polarkreis-Statue aus nächster Nähe zu sehen und zu fotografieren. Es war ein magischer Moment, dort anzulegen - an einem Ort, der geografisch und symbolisch so besonders ist. Isabelle und ich stiegen ins Dinghy und fuhren rüber zur Insel. Doch dann, gerade als wir ein paar Fotos machten, rief plötzlich unsere Skipperin laut vom Boot. Das Dinghy hatte sich losgerissen und begann abzutreiben. Ohne lange zu überlegen, liefen wir runter zur Bucht, ich zog meine Schuhe und Leggings aus, atmete tief durch und sprang ins 10 Grad kalte Wasser. Ich schwamm so schnell ich konnte, das Adrenalin schob mich regelrecht voran. Es war kalt aber ich wusste, dass wir ohne das Boot nicht mehr zurückkämen.
Das Dinghy war zum Glück nicht weit weg, und ich schaffte es, es zu erreichen und zurück ans Ufer zu ziehen. Klitschnass, aber erleichtert. Wir lachten später darüber aber in dem Moment war es einfach nur purer Instinkt, kombiniert mit einer Portion Wahnsinn.
Der Moment, auf dieser kleinen Insel zu stehen, durchnässt und trotzdem überglücklich, bleibt mir unvergesslich. Wir hatten den Polarkreis überquert nicht nur geografisch, sondern auch emotional.
Orcas, Gletscher, Gänsehaut
Zwei Tage später erlebten wir einen weiteren Höhepunkt: Wir sichteten Orcas. Ganz allein auf dem Meer, nur wir drei und diese majestätischen Tiere. Ein unglaublicher Anblick, begleitet von Respekt und einem Hauch Angst. Wir setzten den Kurs entlang der Küste, wie empfohlen, und segelten weiter zum Svartisen Gletscher.
Am Svartisen Gletscher angekommen, trafen wir zufällig einen Guide, der uns eine Gletscherwanderung mit kompletter Ausrüstung anbot. Es war atemberaubend. Wir stapften mit Spikes und Pickeln über das ewige Eis. Schnee, Sonne, Segel und Gletscher an einem Tag, ich war überwältigt. Und müde, denn die Reise ging direkt nach der Wanderung weiter wir segelten bis Mitternacht durch.
Die letzte Etappe
Nach dem Gletschersegeln ging es weiter nach Sørfuglo, einem kleinen Hafen ohne sanitäre Anlagen, aber mit viel Charme. Von dort traten wir am letzten Tag die Etappe nach Bodø an. Der Himmel wurde grau, der Regen kam zurück. Wir legten gemeinsam an, reinigten das Boot und blickten still auf das Wasser. Unsere Reise war zu Ende, aber in mir begann etwas Neues.
Was ich mitgenommen habe
Dieser Törn war mehr als eine Reise. Ich habe segeln gelernt, navigiert, funkt, gefroren, gekocht, Fehler gemacht und Mut gefunden. Ich habe Teamgeist gespürt, Freundschaften geschlossen und gelernt, dass man sich manchmal einfach ins kalte Wasser stürzen muss – im wahrsten Sinne.
Ich werde diese Reise nie vergessen. Und ich weiß: Das Meer hat mir etwas zurückgegeben, das ich gar nicht gesucht habe. Ruhe, Kraft und ein Gefühl von Zuhause.
0 Kommentare